Es gibt Unternehmen, die erfolgreich „New Work“ praktizieren. Dazu gehört die Unternehmensberatung Rheingans, die ihre Kunden bei Transformationsprozessen begleitet und u.a. hilft, alternative Arbeitszeitmodelle einzuführen. In Kooperation mit Rheingans hat die HSBI-Studierende Jule Kruse in ihrer Bachelorarbeit die Erfolgskriterien bei der Einführung einer Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt herausgearbeitet. Dazu gehören volle Transparenz, klare Absprachen über Umsätze und Margen sowie eine höchstmögliche organisatorische Eigenverantwortung der Mitarbeitenden. Für ihre Untersuchung wurde Kruse nun mit dem Nachwuchsförderpreis des Bundesverband der Personalmanager:innen ausgezeichnet.Jule Kruse hat an der HSBI das praxisintegrierte Bachelorstudium BWL in Kooperation mit den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel abgeschlossen und parallel die Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen absolviert.
Bielefeld (hsbi). Nach diesem Erfolg war der Weg ins Masterstudium vorgezeichnet. Und so wird Jule Kruse ab September den Master Human Resource Management an der Hochschule Bielefeld (HSBI) studieren. Denn zuvor hatte sie für ihre Bachelorarbeit über eine Frage aus dem Personalwesen eine ganz besondere Auszeichnung erhalten: Der Nachwuchsförderpreis des Bundesverband der Personalmanager:innen (BPM) prämiert jedes Jahr herausragende Abschlussarbeiten, die sich mit aktuellen Herausforderungen und Zukunftsthemen beschäftigen. Die beste Arbeit wird mit 2.000 Euro dotiert. Diese Summe geht dieses Jahr an Jule Kruse, die noch dazu die erste Bachelorabsolventin ist, die bei dem Wettbewerb den ersten Platz erzielt hat – bislang wurden nur Masterarbeiten prämiert.
In ihrer Arbeit hat Jule Kruse die Vier-Tage-Woche nach dem sogenannten 100-80-100-Modell untersucht. Die Ziffernfolge steht für 100 Prozent Leistung bei 80 Prozent Arbeitszeit und 100 Prozent Gehalt. Kruse interessierte die Frage, welche Herausforderungen bei der Einführung einer Vier-Tage-Woche zu bewältigen sind und wie diese im konkreten Fall der Unternehmensberatung Rheingans GmbH aus Bielefeld erfüllt werden könnten. Dazu hat sie den Forschungsstand aufgearbeitet, die organisatorischen und arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen beleuchtet und Interviews mit den Mitarbeitenden und der Geschäftsführung von Rheingans geführt.
Frage nach Arbeitsverdichtung und Produktivität – Beteiligung der Mitarbeitende empfehlenswert
Jule Kruse konnte ihre Arbeit auf dem diesjährigen Personalmanagementkongress einem breiten Fachpublikum vorstellen.
„Die Erfolgsfaktoren, die Jule Kruse gefunden hat, lassen sich wie eine Checkliste verwenden, die sowohl die Arbeitgeber- als auch die Arbeitnehmer:innenperpektive berücksichtigt“, berichtet Prof. Dr. Sascha Armutat, Erstprüfer der Arbeit, der auch den Kontakt zu Rheingans hergestellt hatte. Für Unternehmen ist demnach ein strukturiertes Vorgehen unverzichtbar, das im Laufe des Prozesses immer wieder optimiert und an die konkreten Erfordernisse angepasst werden muss. „Am besten beteiligt man daran die Mitarbeitenden“, empfiehlt Armutat. „Nur so kann ein Unternehmen Überbelastungen seiner Mitarbeitenden durch Arbeitsverdichtung vermeiden und die Produktivität nachhaltig und langfristig sichern.“ Für die Mitarbeitenden sind noch weitere Aspekte wichtig. Dazu gehören die Transparenz der Regelungen, Klarheit und Realismus bei den Erwartungen des Unternehmens an sie und die Chance, die Arbeit eigenverantwortlich zu organisieren. „Alles zusammen ermöglicht dann erst eine echte Work-Life-Balance wie Jule Kruses Untersuchung überzeugend darlegt“, so Armutat.
Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis: Sichtbarkeit für Preisträgerin und Hochschule
„Als Hochschule für angewandte Wissenschaften steht die HSBI in besonderem Maße für den Transfer zwischen Wissenschaft und praktischer Anwendung. Dieser gelingt Jule Kruse mit ihrer empirisch-qualitativen Arbeit in hohem Maße.“
Prof. Dr. Kathrin Papmeyer, Zweitgutachterin der Arbeit
Auch die Zweitgutachterin Prof. Dr. Kathrin Papmeyer war begeistert von der Abschlussarbeit. Sie war es, die Kruse für den BPM-Nachwuchsförderpreis vorschlug: „Als Hochschule für angewandte Wissenschaften steht die HSBI in besonderem Maße für den Transfer zwischen Wissenschaft und praktischer Anwendung. Dieser gelingt Jule Kruse mit ihrer empirisch-qualitativen Arbeit in hohem Maße“, so Papmeyer. „Der BPM ist einer der führenden Verbände im Bereich Personalmanagement. Mit der Auszeichnung ist nicht nur eine erhöhte Sichtbarkeit für die Preisträgerin verbunden, sondern auch für die HSBI, die sich damit als Ausbildungsstätte für wissenschaftlich gut qualifizierten Personalnachwuchs positioniert.“ Tatsächlich konnte Kruse ihre Arbeit auf dem diesjährigen Personalmanagementkongress einem breiten Fachpublikum vorstellen und ihre Ergebnisse wurden im Magazin „Human Resources Manager“ veröffentlicht.
Bachelorarbeit als „Orientierungspunkt“ zur Überprüfung des Arbeitszeitmodells bei Rheingans
Neben ihrem Masterstudium Human Resource Management an der HSBI wird Jule Kruse als Werkstudentin bei den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel arbeiten.
Im Übrigen war die Rheingans GmbH der ideale Kooperationspartner für das Vorhaben Kruses: Gründer und Geschäftsführer Lasse Rheingans ist seit vielen Jahren als Vordenker für „New Work“ bekannt. Bereits 2017 führte er in seiner damaligen Digitalagentur die 25-Stunden-Woche bei vollem Gehalt ein. Erstaunliches Ergebnis: Seine Teams wurden motivierter, kreativer und produktiver. Mit dieser Erfahrung im Rücken berät er mit seinen elf Mitarbeitenden heute Unternehmen, die in der Personalführung neue Wege gehen wollen. Allerdings passte der starre Fünf-Stunden-Tag bereits seit längerem nicht mehr zum Geschäftsmodell der Unternehmensberatung Rheingans. „Für uns war Jule Kruses Arbeit ein Orientierungspunkt, an dem wir noch einmal überprüfen konnten, welches Arbeitszeitmodell für uns wirklich sinnvoll ist. Wissenschaftliche Begleitung und gelebte Praxis griffen so direkt ineinander“, erläutert der Firmengründer. „Wir setzen heute auf absolute Selbstorganisation, um die besten Eigenschaften unserer Mitarbeitenden freizusetzen und eine passende Work-Life-Balance zu erzielen.“ Konkret bedeutet das: Rheingans‘ Mitarbeitende bestimmen zu einhundert Prozent selbst, wann, wo und wieviel sie arbeiten oder sich freinehmen, um Urlaub zu machen oder sich um die Familie oder Hobbys zu kümmern. „Das funktioniert aber nur, wenn gleichzeitig für alle im Unternehmen Transparenz darüber besteht, wer welche Aufgaben zu erledigen hat und welche Leistungen, Umsätze und Margen dahinterstehen“, so Rheingans.
Die Unternehmensberatung von New Work Pionier Lasse Rheingans (l.) bildete das ideale Umfeld für die Untersuchung über die Einführung der Vier-Tage-Woche.
„Das sind Experimente, die dazugehören, wenn wir unser Nachdenken über alternative Arbeitszeitsysteme voranbringen wollen“, resümiert Jule Kruse. „Meine Bachelorarbeit hat mir gezeigt, wie spannend es ist, solche neuen Wege zu finden und Arbeit so zu gestalten, dass sie Menschen nicht überfordert, sondern ein positives Umfeld schafft, in dem sie aufblühen können. Genau das möchte ich auch im Masterstudium und später beruflich weiterverfolgen.“ (lk)