Bielefeld/Prag (hsbi). Wie weit ist die Controlling-Lehre in Deutschland bei zwei zentralen Zukunftsthemen: Der Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in das Curriculum und der Digitalisierung von Lehr- und Lernformaten. Dieser Frage sind Dr. Christian Beer von der Hochschule Bielefeld (HSBI), Prof. Dr. Janina Matern (Technische Universität Würzburg-Schweinfurt) und Prof. Dr. Ute Vanini (HAW Kiel) in zwei eng miteinander verbundenen Forschungsarbeiten nachgegangen, die sie beim Annual Congress 2026 der European Accounting Association (EAA) in Prag vorgestellt haben. Die Konferenz gehört mit ca. 1.500 internationalen Forschenden seit 1978 zu den zentralen Treffpunkten der Accounting-Forschung weltweit.
Dr. Christian Beer und Prof. Dr. Janina Matern haben gemeinsam die Digitalisierung der Controlling-Lehre an deutschen Hochschulen untersucht. Analysiert wurden 568 Module an 144 Hochschulen, darunter 55 Universitäten und 89 Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Die Studie basiert auf einer Mixed-Methods-Content-Analysis von Modulhandbüchern und öffentlich verfügbaren Kursinformationen für das Wintersemester 2024/2025.
Die Ergebnisse zeigen eine selektive, aber keine flächendeckende Digitalisierung: 194 der 568 Module, also etwa ein Drittel, enthalten digitale Lehrelemente. Am häufigsten genannt werden E-Learning-Plattformen, softwaregestützte Übungen, Online-Konferenztools, Videos, E-Skripte und Online-Kollaboration. Systematisch digital angereicherte Konzepte, wie z. B. Blended Learning oder Flipped Classroom, sind dagegen deutlich seltener zu finden. Besonders hohe Digitalisierungsanteile finden sich in Fernstudienformaten mit 100 Prozent, an Exzellenzuniversitäten mit 70 Prozent und an privaten Hochschulen mit 67 Prozent. Dagegen liegen öffentliche Hochschulen bei 33 Prozent, Universitäten bei 31 Prozent und Hochschulen für angewandte Wissenschaften bei 36 Prozent. Auch regional zeigen sich erhebliche Unterschiede. Berlin, Bremen und Hamburg liegen bei über 60 Prozent, während Baden-Württemberg und Brandenburg nur bei 11 bzw. 7 Prozent liegen.
Controlling-Lehre steht vor einer grundlegenden Weiterentwicklung
Der Grad der Digitalisierung hängt weniger von einzelnen Modulmerkmalen ab, als stärker von institutionellen Rahmenbedingungen, dem Wettbewerb zwischen den Hochschulen, politischen Initiativen, Ressourcen und strategischer Positionierung.
In der zweiten Studie analysieren Prof. Dr. Janina Matern und Prof. Dr. Ute Vanini in einem ähnlichen methodischen Ansatz, wie Nachhaltigkeitsaspekte in die Controlling-Lehre integriert werden können. Die Motivation für diese Forschungsarbeit bilden die steigenden regulatorischen und gesellschaftlichen Anforderungen, insbesondere durch die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die eine umfassende Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in die Controlling-Lehre erforderlich machen. Die Ergebnisse zeigen eine erkennbare, aber weiterhin begrenzte Entwicklung.
Beide Studien beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven, dass die Controlling-Lehre vor einer grundlegenden Weiterentwicklung steht. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Hochschulen diese Themen nicht nur punktuell ergänzen oder allein in die Verantwortung der Lehrenden stellen sollten. Es geht vielmehr darum, Curricula und Lehrformate systematisch und vor dem Hintergrund sich stark verändernder gesellschaftlicher Bedürfnisse weiterzuentwickeln“, sagt Dr. Christian Beer. Dabei darf Digitalisierung der Lehre jedoch keine Abkehr von der Präsenzlehre bedeuten. „Im Gegenteil. Gerade soziale Kompetenzen sind mit dem schnellen Voranschreiten der Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz doch in Gefahr. Es geht um die Integration jener digitaler Arbeitstools und Arbeitsweisen in die Präsenzlehre, die später auch im Joballtag gefordert werden.“ Beim Thema Nachhaltigkeit sollten Studierende fachübergreifend ebenfalls gut vorbereitet werden. „Bei vielen Unternehmen steht dieses Thema bereits ganz oben auf der Agenda.“