Kettenreaktion mit Köpfchen – wie der Workshop „Crazy Machines“ Nachwuchs für die Ingenieurwissenschaften begeistert
Ein Hammer trifft eine Mausefalle, eine Murmel rollt los, ein Ventilator dreht sich, ein Schalter schließt einen Stromkreis – Platsch! Ein Wasserballon zerplatzt über dem Kopf von Micha, studentische Hilfskraft im experiMINT Schüler*innenlabor der HSBI. Das Publikum lacht, Applaus brandet auf und drei Tage Arbeit finden ihren feucht-fröhlichen Höhepunkt.
Was nach Nonsens klingt, ist das Finale eines durchdachten Ferienworkshops, der sich seit zehn Jahren großer Beliebtheit erfreut. „Crazy Machines“ heißt das Format des Schüler*innenlabors experiMINT am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der Hochschule Bielefeld – und der Name ist Programm. Vier Teams mit insgesamt 14 Teilnehmenden im Alter ab 12 Jahren haben drei Tage lang getüftelt, gebaut, gesägt, geklebt und geschraubt. Das Ziel: Eine Kettenreaktionsmaschine zu bauen, die mindestens 30 Sekunden andauert. Und das bitte so kreativ und absurd wie möglich. Der Höhepunkt: Am Ende soll ein Wasserballon platzen – am besten direkt über Micha – eine tolle Herausforderung. Oder wie Workshop-Moderator Manuel Mai mit einem Augenzwinkern verrät: „Der Luftballon ist gefüllt mit Wasser – das motiviert die Teilnehmenden ungemein. Wenn jemand da drunter sitzt, spornt das nochmal zusätzlich an.“
Bauen, denken, ausprobieren – wie Ingenieur:innen
Der große Moment: Der Wasserballon ist geplatzt! Micha, studentische Hilfskraft im Schülerlabor, sitzt tapfer im Planschbecken und nimmt das Ergebnis der Kettenreaktion mit Humor – durchnässt, aber lachend.
Dieses verrückte Ferienprogramm ist auch ein tief durchdachter Einstieg in ingenieurwissenschaftliches Denken. Das Schüler*innnenlabor bietet regelmäßig Workshops an, die Kinder und Jugendliche spielerisch an MINT-Themen heranführen. Und das mit einem klaren Ziel: Begeisterung wecken – für Technik, für Teamarbeit, für Kreativität und am Ende auch für ein späteres Studium im Bereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik. „Wir haben gesehen, wie aus wildfremden Jugendlichen echte Teams wurden“, berichtet Katharina Jaeger, studentische Hilfskraft im Schülerlabor, begeistert. „Die Teilnehmenden bringen ganz unterschiedliche Vorkenntnisse mit, aber am Ende erklären sie sich gegenseitig, wie ein Stromkreis funktioniert oder warum eine Kugel nicht genug Schwung hat.“ Dass dabei nicht nur mit Schraubenziehern, sondern auch mit Hirnschmalz gearbeitet wurde, zeigte sich in jeder der vier Gruppen. Ob eine Murmelbahn unter dem Tisch, ein Dino am Seilzug oder ein selbst gebauter Aufzug: Jeder Mechanismus musste auf den vorherigen abgestimmt werden, jede Idee am Ende auch technisch umsetzbar sein „Eigentlich ist das hier Maschinenbau im Kleinformat“, erklärt Silja Stark, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schüler*innenlabor. „Auch wenn die Maschinen auf den ersten Blick sinnfrei wirken – sie sind konstruiert, geplant und ständig optimiert worden. Genau das machen Ingenieur:innen im echten Leben auch.“
Lernen ohne Schulbuch – aber mit jeder Menge Spaß
Teamwork auf mehreren Ebenen: Zwei Schüler arbeiten gemeinsam an ihrer Maschine – einer davon steht auf einer Leiter, um ein Bauteil in luftiger Höhe zu montieren.
Gerade das gefällt Klaus Baumgart, ehemaliger Lehrer und inzwischen fester Bestandteil des Workshop-Teams. Für den Ehrenamtlichen ist das Schüler*innenlabor ein Leuchtturmprojekt: „In der Schule bleibt oft keine Zeit für technisches Handwerk oder kreatives Bauen. Dabei ist das genau der Bereich, in dem viele junge Menschen ihr Talent entdecken könnten. Hier können sie sich ausprobieren – und das ist enorm wertvoll.“ Einige Teilnerhmer:innen waren so vertieft in ihre Arbeit, dass sie freiwillig auf die Mittagspause verzichteten. Schrauben wurden nachgezogen, Schalter getestet, Elemente neu ausgerichtet. Am letzten Tag wurden die Ergebnisse den Eltern präsentiert – inklusive nasser Überraschung für Micha.
Maschinen mit Charakter
Technik trifft Fantasie: Die Maschine „Chronotronik REXpress“ bietet Murmelbahnen, Stromkreise und einem Dinosaurier, der per Seilwinde hochgezogen wird – alles Teil einer minutiös geplanten Kettenreaktion.
Alternativtext (barrierefrei):
Dass bei aller Technik der Humor nicht zu kurz kam, zeigen die Namen der Maschinen: „Chronotronik REXpress“ oder „Der Kebab Landen“ sprechen für sich. Die Bauteile waren dabei für alle Teams gleich – unter anderem eine Seilwinde, Rohre, Mausefallen und elektrische Schalter. Doch wie die Teile verbunden wurden, war den Gruppen überlassen. So entstanden völlig unterschiedliche Konstruktionen – ein Paradebeispiel für kreative Problemlösung. „Das Beste an Crazy Machines? Ganz klar: Die Maschinen!“, findet Silja Stark. „Die Teilnehmenden haben in drei Tagen wirklich coole Dinge gebaut.“ Für das Schüler*innenlabor ist Crazy Machines mehr als ein Workshop. Es ist eine Chance, frühzeitig für den Ingenieurberuf zu begeistern – mit Wissen, Praxis und einem ordentlichen Schuss Spaß.
Nachwuchs gesucht – und gefunden?
Kreatives Chaos: Schraubenzieher, Heißklebepistolen, Scheren und Akkuschrauber liegen bereit – im Hintergrund sind die Workshop-Teilnehmenden in regem Treiben beim Bau ihrer verrückten Maschinen zu sehen.
Der Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der Hochschule Bielefeld setzt auf frühe Begegnungen mit Technik – und das aus gutem Grund: Der Fachkräftemangel in MINT-Berufen ist real, der Bedarf an kreativen Problemlöser:innen wächst stetig. Workshops wie Crazy Machines beweisen, dass Technik Spaß machen, verbinden, motivieren und Perspektiven eröffnen kann. „Wir zeigen: Ingenieure planen, bauen, denken, verbessern – und manchmal werden sie eben auch nass“, resümiert Manuel Mai lachend. Am Ende durften die Teilnehmer:innen sogar ohne Aufräumen nach Hause – eine kleine Belohnung nach drei Tagen voller Ideen und Action. Doch ein Schüler meldete sich mit ungebremster Motivation freiwillig: „Ich helfe gerne!“ Und wer weiß, vielleicht steht da schon der Maschinenbauer von morgen in der in der Hochschule von heute. (jrf)