Fortschritt braucht Verantwortung – Wibke Brems im Dialog mit der HSBI
Zwischen Rückkehr und Zukunftsfragen: Wibke Brems besucht ihre Alma Mater und trifft am Campus der Hochschule Bielefeld auf aktuelle Herausforderungen und große Chancen. Gemeinsam mit Hochschulleitung und Fachbereich wird deutlich, wie stark Themen wie Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und gesellschaftliche Verantwortung die Ingenieurausbildung verändern – und warum gerade jetzt mutige Entscheidungen gefragt sind. Wie die HSBI dabei auf Small Data, innovative Forschung und den Schulterschluss mit Politik und Wirtschaft setzt, wird im Gespräch deutlich.Wibke Brems (Mitte), Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag NRW und Alumna besucht die Hochschule Bielefeld. Die studierte Elektrotechnikerin trifft dort auf HSBI-Präsidentin Prof. Dr. Ingeborg Schramm-Wölk (rechts) sowie das Dekanatsteam des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften und Mathematik mit Dekan Prof. Dr. Rolf Naumann (2. v. r.), Prof. Dr. Axel Schneider (links), Prodekan für Forschung, Entwicklung und Transfer und Prof. Dr. Jonas Ide (2. v. l.), Prodekan für Studium und Lehre . Gemeinsam sprechen sie über aktuelle Entwicklungen in Studium, Forschung und die Zukunft der Ingenieurausbildung.
Als Wibke Brems den Campus der Hochschule Bielefeld (HSBI) betritt, ist es für sie mehr als ein offizieller Termin. Es ist eine Rückkehr an den Ort, an dem ihre eigene Laufbahn als Ingenieurin begann. Die heutige Fraktionsvorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion NRW hat an der ehemaligen Fachhochschule Bielefeld Elektrotechnik mit der Fachrichtung Erneuerbare Energien studiert. Nun ist sie als Landtagsabgeordnete und Alumna eingeladen, den Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik (IuM) in seiner heutigen Form am neuen Standort kennenzulernen.
„Es ist angenehm, einen Gast zu haben, der sich mit der Materie auskennt“, begrüßt Prof. Dr. Rolf Naumann, Dekan des Fachbereichs IuM, die Ingenieurin auf dem Campus Bielefeld. Gemeinsam stellten Professorin Ingeborg Schramm-Wölk, Präsidentin der HSBI, und das Dekanatsteam des Fachbereichs die strategische Neuausrichtung, die modernen Studienstrukturen und aktuelle Forschungsprojekte des Fachbereichs und der Hochschule vor.
Wissenschaftssystem unter Druck – Verantwortung in Zeiten radikaler Veränderungen
Das Dekanatsteam des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften und Mathematik der HSBI präsentiert moderne Studienstrukturen und aktuelle Forschungsprojekte. Wibke Brems ist begeistert: „Praxisnahes Studieren, angewandte Forschung und Raum für individuelle Gestaltung, das ist ein tolles Konzept."
Der Besuch steht im Zeichen tiefgreifender Umbrüche: Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, globale Machtverschiebungen und zunehmende Regulierung verändern die Rahmenbedingungen von Wissenschaft und Hochschulen grundlegend. Die HSBI-Präsidentin ordnete die Lage ein: „Das gesamte Wissenschaftssystem befindet sich im Wandel, besonders im Kontext von KI. Die Geschwindigkeit und Radikalität, mit der dies geschieht, betrifft selbstverständlich auch die Hochschule Bielefeld.“ Diese anzunehmen und bestenfalls mitzugestalten, ist unsere Aufgabe, um im Vergleich mit den USA und China nicht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden“, betonte Schramm-Wölk. Gerade deshalb sei der Austausch mit der Politik unverzichtbar.
Dr. Hanno G. Meyer, Mitarbeiter am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik, erklärt, wie Algorithmen der künstlichen Intelligenz für das Erlernen von Laufen eingesetzt werden können.
„Digitalisierung – ja!“, machte Schramm-Wölk klar. „Aber wir Hochschulen müssen uns fragen, was es bedeutet, sich auf diese Dynamik einzulassen. Und das mit allen Konsequenzen.“ Auch Wibke Brems sieht Hochschulen als wichtige Akteure in den aktuellen gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Gleichzeitig betont sie, dass die Verantwortung für diese Entwicklungen auf mehrere Schultern verteilt ist: „Je nach Thema müssen alle an einen Tisch: Politik, Wirtschaft, Betroffene, Wissenschaft. Das ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe.“
„Selbstverständlich haben wir auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung“, bekräftigt Prof. Dr. Jonas Ide, Prodekan für Studium und Lehre. „Der kommen wir nach, indem wir Forschung und Lehre an aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen ausrichten und wissenschaftliche Erkenntnisse über die Grenzen der Hochschule hinaus nutzbar machen. “Der weitere Austausch war intensiv und geprägt von einem gemeinsamen Verständnis für die Bedeutung technischer Bildung. Zugleich bestand Einigkeit darüber, dass bei der Digitalisierung zu lange gezögert wurde – umso wichtiger sei es, die Chancen jetzt konsequent zu nutzen. Digitalisierung und datenbasierte Technologien wurden dabei nicht nur als Herausforderung, sondern vor allem als Chance gesehen: Insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz eröffnen sich neue Möglichkeiten, Prozesse effizienter zu gestalten, Innovationen zu beschleunigen und Wertschöpfung zu steigern.
KI und Small Data: Technologische Souveränität durch Spezialisierung
Visualisierung der synchronen Auswertung von Körperhaltung, Bewegung und elektrischer elektrischer Muskelaktivität (EMG) bei einer Hebebewegung. Möglich ist das durch die aufgebauten Kameras und Sensoren in der Omnitrack-Arena.
Prof. Dr. Axel Schneider, Prodekan für Forschung, Entwicklung und Transfer am Fachbereich IuM, brachte es auf den Punkt: „In Deutschland ist es bei Innovationen, wie auch bei KI, oft ein selbstauferlegtes Langsam-Gehen.“ Dabei habe Deutschland durchaus gute Voraussetzungen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Eine besondere Stärke der KI-Entwicklung auf dem Campus Bielefeld und auch im Fachbereich liege in der Integration von modernen KI-Algorithmen im Bereich Small Data und Individualisierung sowohl in der Automatisierung als auch bei den Medizin- und Gesundheitsanwendungen. Statt auf riesige Datenmengen zu setzen, werden KI-Anwendungen entwickelt, die auch mit kleinen, spezifischen oder individuellen Datensätzen präzise arbeiten. Dies sei ein entscheidender Vorteil für mittelständische Unternehmen. „In diesen Bereichen stehen wir weit vorne. Daran forschen wir tagtäglich und bringen die Technologie in die Anwendung“, so Schneider. Ziel sei es, KI eben nicht nur abstrakt zu diskutieren oder auf Sprachmodelle zu reduzieren, sondern konkrete KI-Ansätze für unsere regionalen Wirtschaftszweige nutzbar zu machen, Prozesse zu optimieren und Wertschöpfung zu steigern.
Studium neu gedacht: Fundament plus Zukunftsprofil
Rückenteil eines Exoskeletts zur Ableitung von Tragekräften auf den Beckenkamm. Das System soll in der Folge mit aktiven Armexoskelettsystemen erweitert werden können.
Parallel zur inhaltlichen Weiterentwicklung der Forschung hat der Fachbereich in einem dreijährigen Prozess eine umfassende Studienreform umgesetzt. Ziel war es, klassische ingenieurwissenschaftliche und mathematische Studiengänge zu erhalten und zugleich Raum für individuelle Profilbildung zu schaffen. „Das Studium ist mehr als die Summe der Lehrveranstaltungen“, erklärt Prodekan Jonas Ide. „Es geht nicht nur um die reine Ausbildung, sondern auch darum, die Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten. Eigenständige Charaktere und kreative Köpfe entstehen nicht, wenn man nur über enges Fachwissen verfügt. Aus diesem Grund fördern wir gezielt den Blick über den Tellerrand.“
Herzstück der Reform sind fachübergreifende Profilschwerpunkte (PSP): Studierende beginnen mit einem etablierten ingenieurwissenschaftlichen oder mathematischen Studiengang, der zu einem anerkannten Berufsabschluss führt. Im Verlauf des Studiums wählen sie einen Profilschwerpunkt, der gesellschaftlich und technologisch relevante Themen, wie beispielsweise Energie und Effizienz, Medizintechnik oder Data Science, behandelt. Dadurch gibt es eine breite Vielfalt bei den erlangten Kompetenzen: Mechatroniker:innen mit der Spezialisierung Medizintechnik oder Mobilität sind genauso denkbar wie beispielweise Absolvent:innen der Angewandten Mathematik mit der Spezialisierung Data Science. Auf diese Weise werden die Studierenden gezielt auf gesellschaftlich relevante Zukunftsfelder vorbereitet und der Fachbereich hat etwas in dieser Form Einzigartiges geschaffen: Studierende haben den Raum und die Freiheit, ihre eigenen zu Interessen zu verfolgen, ohne auf die Sicherheit und Anerkennung eines klassischen Ingenieur- oder Mathematikstudiums zu verzichten. Das macht das Studium an der HSBI zukunftsfähig.
„Mit unserem vielfältigen Studienangebot bereiten wir Studierende sowohl theoretisch als auch praktisch auf verantwortungsvolle Aufgaben vor und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Die spezifische Expertise unserer Absolvent:innen fördert darüber hinaus die Innovationskraft der Region“, hebt Dekan Naumann hervor und verweist auf den starken Industrie- und Technologiestandort OWL mit seinem leistungsfähigen Mittelstand und zahlreichen international erfolgreichen Unternehmen.
Forschung an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften: anwendungsnah und praxisverbunden
Prof. Dr. Axel Schneider erklärt die Herausforderungen bei der Anpassung von Exoskeletten an unterschiedliche Körperformen und individuelle Bedürfnisse von Nutzer:innen.
Der Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der HSBI versteht sich explizit als Ort angewandter Forschung. „Forschung gehört ganz klar zu unseren Aufgaben“, betonte Rolf Naumann. „Die Forschung hier basiert sehr stark auf der intrinsischen Motivation der Professorinnen und Professoren sowie der Mitarbeitenden.“ Während an Universitäten häufig grundlagenorientierte Forschung im Vordergrund steht, zielt die Forschung an Hochschulen für angewandte Wissenschaften auf konkrete Anwendungen, Kooperationen mit Unternehmen und unmittelbar verwertbare Innovationen ab. Die Unterstützung durch das Präsidium und die enge Zusammenarbeit der Fachbereiche unter einem Dach fördere interdisziplinäre Projekte. Präsidentin Schramm-Wölk ergänzte: „Es gab kluge Weichenstellungen in der Vergangenheit. Damit sind wir in der Lage, den Forschungsauftrag zum Teil aus eigener Kraft zu stemmen.“ Interdisziplinarität sei dabei ein entscheidender Erfolgsfaktor, auch wenn sie Ressourcen erfordere.
Human-Centred Mechatronics & Medical Technology: Technik im Dienst des Menschen
Mitten in der Omnitrack-Arena: Axel Schneider präsentiert einen kommerziell erhältlichen Exosuit und erklärt, wie das System den menschlichen Bewegungsapparat unterstützt. Im Labor werden die neuromechanischen Auswirkungen des Anzugs auf die Muskeln und Gelenke während typischer Hebe- und Tragebewegungen erforscht.
Wie nah Forschung am Puls der Zeit ist, wurde beim Besuch von Brems im Labor für Biomechatronik und Eingebettete Systeme eindrucksvoll sichtbar. Dort entwickeln Forschende und Studierende kooperative Roboter, Wearables sowie Assistenz- und Mobilitätssysteme – Technologien, die Menschen im Alltag und Beruf direkt unterstützen. Ein Forschungsschwerpunkt des Fachbereichs liegt im Bereich Human-Centred Mechatronics & Medical Technology am Institut für Systemdynamik und Mechatronik (ISyM), wo technische Systeme im engen Zusammenspiel mit menschlich-physiologischen, anatomischen und kognitiven Prozessen entwickelt werden. Ziel ist es, Mensch und Technik als kooperatives Gesamtsystem zu denken und entsprechende Eigenschaften in mathematisch-technische Modelle zu übertragen. Das Spektrum reicht von kooperativen Robotern in der Fertigung über akustische Assistenzsysteme bis hin zu teilautonomen Mobilitäts- und Körperassistenzsystemen, adaptiven Wearables oder Laufrobotern. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Frage, wie Technologie den Menschen sinnvoll ergänzt – sicher, adaptiv und anwenderorientiert. Das Labor ist zudem in die Lehre integriert und ermöglicht den Studierenden, theoretisches Wissen in praktische Fähigkeiten zu verwandeln. Besonders diese Integration von Forschung und Lehre ist prägend für den Fachbereich
Ingenieur:in sein als Chance die Welt zum Guten verändern
Wibke Brems hat an der damaligen Fachhochschule Bielefeld Elektrotechnik mit der Fachrichtung Erneuerbare Energien studiert: „Ich erinnere mich noch gut an kalte Seminarräume am alten Standort und daran, als eine von wenigen Frauen im Gebäude aufzufallen. Umso schöner ist es zu sehen, wie sich der Fachbereich und die Hochschule weiterentwickelt haben. Die Atmosphäre ist offener, moderner und lädt junge Menschen heute noch stärker dazu ein, sich für Technik zu begeistern.“
Für Wibke Brems ist der Besuch auch ein persönlicher Rückblick. Sie erinnert sich an ihre Studienzeit, an kalte Seminarräume am alten Standort und an die Erfahrung, als eine von wenigen Frauen im Gebäude aufzufallen. „Das waren unnötige Herausforderungen“, sagt sie rückblickend. „Heute hat sich vieles verändert“, betont Naumann. Die Atmosphäre sei offener, interdisziplinärer, selbstverständlicher. Dennoch bleibe es eine gesellschaftliche Aufgabe, mehr junge Menschen – insbesondere Frauen – für MINT-Fächer zu begeistern. Die Förderung technischer Talente beginnt dabei lange vor dem Studium. Deshalb setzt die HSBI früh an: Mit dem experiMINT Schüler:innenlabor werden Kinder und Jugendliche bereits vor dem Studium spielerisch für Technik, Kreativität und Teamarbeit begeistert. Darüber hinaus engagiert sich die Hochschule in der Bielefelder „Wissenswerkstadt“, wo interaktive Exponate, etwa im Projekt „DaVinci@HSBI“, Technik für Menschen jeden Alters anschaulich und begreifbar machen. So entsteht ein niedrigschwelliger Zugang zur Hochschulwelt, der Neugier fördert und frühzeitig Berührungsängste abbaut. „Genau solche flexiblen und modernen Angebote brauchen wir, um junge Menschen bestmöglich auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten“, so Brems.
Zum Abschluss des Treffens waren sich die Beteiligten einig: Ingenieur:in oder Mathematiker:in zu werden, bedeutet weit mehr, als Formeln und Technik zu beherrschen. Es ist Ausdruck von Kreativität, Neugier und Problemlösungskompetenz. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – für Innovation, für Nachhaltigkeit, für gesellschaftlichen Fortschritt. Oder, wie Jonas Ide es formuliert: „Mathematiker:innen und Ingenieur:innen leisten einen essenziellen Beitrag für die Gesellschaft, indem sie durch Forschung, Technologie und Problemlösungen Fortschritt, Stabilität und Lebensqualität für alle ermöglichen. Ob Klimawandel, Digitalisierung oder Gesundheitsversorgung, sie gestalten aktiv Lösungen für die größten Herausforderungen unserer Zeit.“
Was von diesem Besuch bleibt, ist mehr als ein Austausch über Hochschulpolitik. Wibke Brems ist vom Studienkonzept überzeugt: „Der Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der HSBI steht für praxisnahes Studieren im MINT-Bereich, für angewandte Forschung an den großen Fragen unserer Zeit und für ein Studium, das individuelle Interessen mit einem anerkannten Berufsbild verbindet. Dieses Konzept ist ein großer Gewinn für die Studierenden und den Standort.“ (th/jrf)