25.05.2025

Internationale Kooperation zwischen der Hochschule Bielefeld und der Universität Sfax stärkt Forschung, Austausch und interkulturelles Lernen

Seit 2017 pflegt die Hochschule Bielefeld (HSBI) eine enge Partnerschaft mit der National School of Engineering (ENIS) in Sfax, Tunesien. Zentraler Bestandteil dieser Kooperation ist die Zusammenarbeit zwischen dem Labor für Werkstoffprüfung der HSBI und dem Laboratory of Materials Engineering and Environment (GMAT) der ENIS.

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Seit 2017 pflegt die Hochschule Bielefeld (HSBI) eine enge Partnerschaft mit der National School of Engineering (ENIS) in Sfax, Tunesien. Zentraler Bestandteil dieser Kooperation ist die Zusammenarbeit zwischen dem Labor für Werkstoffprüfung der HSBI und dem Laboratory of Materials Engineering and Environment (GMAT) der ENIS.

Was erst als Forschungskooperation begann, ist heute ein lebendiger Austausch mit wissenschaftlichen Publikationen, mehreren DAAD- und Erasmus+ Projekten sowie einem Humboldt-Stipendium. Über 30 Studierende, Promovierende und Mitarbeitende beider Seiten haben seither von dem Austausch profitiert. Neben den  sechs tunesischen Austauschstudierenden war auch Prof. Dr. Khaled Elleuch, Direktor der ENIS zu Gast an der HSBI.

Gut ausgestattet: Das Labor für Werkstoffprüfung an der HSBI

Ein zentrales Element des Austausches ist die Möglichkeit für tunesische Studierende, einen Teil ihrer Diplomarbeit im hervorragend ausgestatteten Labor der HSBI durchzuführen. Das Labor für Werkstoffprüfung bietet eine breite Auswahl an modernen Analyseverfahren für die Materialcharakterisierung und -prüfung, wie z.B. der hochauflösenden  Rasterelektronenmikroskopie mit EDX, der Biegeprüfung zur Untersuchung von Oberflächenstrukturen im Nanobereich und der Lichtmikroskopie mit hochauflösender digitalen Bildgebung. Diese Ausstattung eröffnet den Studierenden aus Sfax neue analytische Möglichkeiten, die an der ENIS – wo Forschung oft unter erschwerten Bedingungen mit älteren Geräten durchgeführt wird – nur begrenzt zur Verfügung stehen. Dennoch gelingt es den Forschenden in Sfax, durch Improvisation, Know-how und hohe Fachkompetenz bemerkenswerte Ergebnisse zu erzielen. Darüber hinaus sind auch viele weitere wissenschaftlich erfolgreiche Labore und motivierte Arbeitsgruppen des FB IuM an dem Erasmus+ Austausch durch die Betreuung von Diplomarbeiten beteiligt. Die Zusammenarbeit lebt von der gegenseitigen Ergänzung: moderner Infrastruktur auf der einen, methodischer Kreativität auf der anderen Seite.

Diplomarbeiten mit Praxisbezug

Der Austausch macht Diplomarbeiten sichtbar, deren besondere Stärke im direkten Praxisbezug und realen Anwendungsmöglichkeiten liegt. Eine tunesische Studentin untersucht eloxierte Aluminiumproben, die in Sfax hergestellt wurden, mit dem REM an der HSBI. Sie analysiert, wie und wo sich bei mechanischer Belastung erste Schäden in der Schutzschicht zeigen. Eine andere Studentin führt Korrosionssimulationen an Stahl- und Kupferlegierungen durch – mithilfe der Software COMSOL. Ziel ist es, die Korrosionsanfälligkeit in salzhaltigem Grundwasser – ein in Tunesien verbreitetes Problem –  sowie die Korrosionsanfälligkeit von Bauteilen in bereits bestehenden Entsalzungsanlagen  besser zu verstehen. Begleitet wird diese Arbeit durch Korrosionsprüfungen zum Abgleich mit den Simulationsergebnissen. Simulationen wie diese sparen nicht nur Zeit und Ressourcen, sondern liefern auch präzise Vorhersagen über Materialverhalten unter realen Bedingungen.

Interkulturelle Impulse – fachlich wie menschlich bereichernd

Neben der wissenschaftlichen Arbeit ist der Austausch auch ein Gewinn für das Miteinander. Die tunesischen Studierenden beeindrucken durch hohe Motivation, Lernbereitschaft und ihre Mehrsprachigkeit: Arabisch, Französisch und Englisch beherrschen sie souverän. „Während ostwestfälische Studierende oft pragmatisch und selbstständiger agieren, arbeiten die Gäste aus Tunesien besonders reflektiert, stellen wichtige  Rückfragen und haben eine große wissenschaftliche Neugierde – was zu einem sehr produktiven Miteinander im Labor führt“, berichtet Thomas Kordisch, Professor für Werkstofftechnik und Projektmanagement an der HSBI von seinen Erfahrungen.

Auffällig ist zudem der hohe Frauenanteil in den Ingenieurwissenschaften: Über 50 Prozent der Studierenden an der ENIS sind weiblich – auch im aktuellen Austauschjahr kamen vier der sechs Teilnehmenden aus Tunesien. Hintergrund ist das leistungsbasierte Zulassungssystem: Nur die besten Schulabsolvent:innen erhalten einen Studienplatz. Und in vielen Fällen sind es junge Frauen, die mit besonders guten Noten überzeugen. Eine Studentin berichtet, dass ihr Studium sogar ihren persönlichen Alltag verändert hat: „Ich weiß jetzt, wie technische Systeme funktionieren – ich repariere Dinge selbst, installiere Lampen oder Wasserhähne. Dafür muss ich keinen Mann mehr rufen.“ In den Ingenieurwissenschaften in Tunesien gäbe es keine klassische Rollenverteilung. Frauen seien selbstverständlich in Laboren, Praktika und Werkstätten aktiv – ob beim Schleifen, Montieren oder beim Arbeiten mit Maschinen und Materialien. Alle würden gleich anpacken, und technische Aufgaben seien kein Männerprivileg. Die Gleichberechtigung sei dort gelebter Alltag – fachlich, praktisch und im Miteinander, berichtet die Gruppe.

Tunesische Speisen: Schwarztee mit Erdnüssen, traditioneller Couscous, Batbout und Tajine.
Tunesische Speisen: Schwarztee mit Erdnüssen, traditioneller Couscous, Batbout und Tajine.

Bei der International Week boten die Tunesier:innen in der Magistrale eine kulinarische Reise durch ihre Heimat an. Besucher:innen der International Week konnten Kafteji (frittierter Gemüsesalat) und Mechouia-Salat (gegrillter Salat) probieren, dazu Omek Houriya (Karottensalat). Herzhaftes wie Batbout (gefüllte Fladenbrote), Brik (gefüllte Teigtaschen) und Tajine (ein Gericht auf Eierbasis) rundeten das Angebot ab, natürlich begleitet von traditionellem Couscous. Der typisch tunesische Schwarztee mit Erdnüssen sorgte für einen überraschenden Abschluss. Eine gelungene Gelegenheit, Kultur durch Geschmack zu erleben.

Gruppe
Die Professoren Khaled Elleuch, Direktor der ENIS (2.v.r.), und Thomas Kordisch (3.v.l.), Professor für Werkstofftechnik und Projektmanagement an der HSBI, mit den tunesischen Studierenden und den am Austausch mitwirkenden wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen.

Die Kooperation zwischen der HSBI und der ENIS zeigt eindrucksvoll, wie internationale Zusammenarbeit Brücken baut – zwischen Laboren, Ländern und Lebenswelten. Der Zugang zu moderner Technik auf der einen Seite und die starke Eigeninitiative auf der anderen Seite ermöglichen Forschung auf hohem Niveau – und eröffnen neue Perspektiven für alle Beteiligten. (jrf)