In der Interviewreihe „Nachgefragt bei InCamS@BI“ erklären Kolleginnen und Kollegen aus dem Team, wie das Transferprojekt InCamS@BI funktioniert und womit sie sich aktuell beschäftigen. Dieses Mal erzählt uns Beatriz García, warum Gleichberechtigung und Sichtbarkeit in allen Bereichen der Wissenschaft wichtig sind, welche Erfahrungen sie auf ihrem beruflichen Weg geprägt haben und was sie sich für die Zukunft von Frauen in Wissenschaft und Hochschule wünscht.
Liebe Beatriz, du begleitest das Projekt InCamS@BI seit gut zwei Jahren als Referentin der Teilprojektleitung des Creative Labs. Erzähl uns gern ein bisschen über deinen bisherigen beruflichen Werdegang.
Mein Berufsleben startete bei Phoenix Contact in der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, später dann Corporate Communications. Ich habe dort fast 15 Jahre in erster Linie die interne Kommunikation mitgestaltet, zeitweise auch Teile der externen Kommunikation mitbetreut. Als unser Sohn zur Welt kam, war ich zwei Jahre in Elternzeit und bin danach zur AWO OWL gewechselt, weil ich nach mehr Sinnstiftung in meiner Arbeit gesucht habe. In der HSBI bin ich seit 2023, zuerst in einem Projekt als Transfermanagerin, und seit fast zwei Jahren als Referentin bei InCamS@BI.
Immer wieder machst du dich auch in Gesprächen in unserem Projektalltag für das Thema Gleichberechtigung stark und sensibilisierst das Team. Gab es Stationen oder Erfahrungen, die besonders wichtig für dein Verständnis von Gleichberechtigung und Chancengleichheit waren?
Ich denke, dass die Sensibilisierung für dieses Thema nie aufhört – auch für mich als Frau. Was wirklich wesentlich für mich war und heute noch ist, sind die Perspektivwechsel, die ich durch die unterschiedlichen Stationen in meiner beruflichen Laufbahn erfahren durfte. Viele Situationen in meinem Arbeitsalltag habe ich erst im Rückblick und auch in der Reflexion – oft mit jüngeren Frauen – als ungerecht wahrgenommen. Außerdem war ich sensibilisiert durch meine erste Vorgesetzte bei Phoenix Contact, die schon früh die Gleichberechtigung von Frauen in technischen Berufen thematisiert hat.
Wir wachsen in einer Gesellschaft auf, in der strukturelle Ungleichheiten bestehen, nicht nur Frauen gegenüber. Um diese nicht als normal anzusehen oder sie einfach hinzunehmen, weil „es immer schon so war“, muss man sein eigens Denken erstmal reflektieren, um ein Bewusstsein zu entwickeln.
Du hast schon in ganz unterschiedlichen Bereichen gearbeitet. Du warst im Sozialwesen bei der AWO, aber auch lange in der Industrie bei Phoenix Contact beschäftigt. Wie hast du dort jeweils die Rolle von Frauen erlebt?
Also, wenn wir uns den sozialen Bereich, aber auch das Gesundheitswesen anschauen, sind ja allein die Löhne schon ein Zeichen von Diskriminierung und mangelnder Wertschätzung dieser Berufe, die zum größten Teil von Frauen ausgeübt werden. Das sind die typischen Care-Berufe, wie Erzieher:innen, Pflegekräfte und vieles mehr – also Tätigkeiten, die so unheimlich wichtig sind für unsere Gesellschaft. Ich erinnere mich, was mir eine männliche Führungskraft aus der Industrie dazu mal gesagt hat: „Aber da sind die Frauen doch selber schuld, wenn sie sich schlecht bezahlte Jobs aussuchen.“ Was für ein Schlag ins Gesicht für die Frauen, die sich als Erzieherinnen tagtäglich um unsere Kinder kümmern, oder? Und es zeigt, was für veraltete und stereotype Bilder manch eine:r noch mit sich rumträgt.
Wie nimmst du die Zusammenarbeit in der Hochschule, aber auch in unserem Projektteam wahr? Spürst du, dass Gleichstellung und Chancengerechtigkeit dort aktiv gelebt werden?
Für die Zukunft von Frauen in unserer Gesellschaft wünsche ich mir vor allem Selbstbestimmung, Sicherheit und echte Teilhabe – unabhängig von Herkunft, Bildung, Alter oder Lebensentwurf.
Beatriz García, Referentin im Transferprojekt InCamS@BI
Ich denke grundsätzlich schon, dass der Großteil der Kolleg:innen sensibilisiert ist. Aber vielleicht muss man es mal von oben betrachten. Ich finde es bezeichnend, dass in rahmenschaffenden Positionen in der Wissenschaft kaum Männer zu finden sind. Wer kümmert sich im Team um Geschenke, wenn jemand heiratet beispielsweise? Wer kocht Kaffee? Das sind wir Frauen, die die „Care-Arbeit“ für das Team übernehmen. Ich möchte mich gar nicht beschweren, weil ich das gerne mache, aber das sind Muster, die mir in meinem Arbeitsleben immer wieder begegnet sind. Ich habe in keinem Team je einen Mann kennengelernt, der sich eigeninitiativ um ein Geschenk für eine:n Kolleg:in gekümmert hat. Das soll auf keinen Fall als Vorwurf gewertet werden, aber hier spiegeln sich die Muster wider, die es gilt aufzubrechen.
Wie vereinbarst du persönlich dein Familien- und Berufsleben an der HSBI?
Ich bin sehr frei in meiner Tätigkeit und kann Aufgaben auch mal in den Abend verlegen, wenn es mittags oder nachmittags nicht klappt aufgrund der Betreuung meines Sohnes. Arbeiten im Homeoffice ist kein Problem. Das nimmt wahnsinnig viel Druck raus. Außerdem ermöglicht es mir, in der Woche 30 Stunden zu arbeiten. Wenn ich täglich ins Büro fahren müsste, könnte ich wahrscheinlich nur 20 Stunden arbeiten und wäre zerrissen zwischen Arbeit und Familie. Insofern ist es eine Win-win-Situation sowohl für mich als auch für das Projekt bzw. die HSBI als meine Arbeitgeberin. Das liegt aber auch an einzelnen Vorgesetzten. Aber tatsächlich ist es nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bekommen. Es gibt schon Situationen, in denen sich Familie und Beruf nicht gut vereinbaren lassen.
In deiner koordinierenden Rolle trägst du Verantwortung für Strukturen und Abläufe: Inwiefern kann gute Organisation dazu beitragen, die Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern im Arbeitsalltag zu erhöhen?
Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erhöhen, ist es sehr wichtig, das Thema schon in kleinen Strukturen im Arbeitsalltag mitzudenken. Das haben wir als Referent:innen des Projekts InCamS@BI sehr gut im Fokus, weil wir alle Mütter mit Kindern sind. Bei der zeitlichen Planung von Projektterminen berücksichtigen wir beispielsweise immer mit, dass unsere Kolleg:innen möglicherweise vor der Arbeit ihre Kinder zur Schule oder in die KiTa bringen müssen. Nur bei Nachmittagsterminen müssen wir noch besser werden. Ich empfinde es immer wieder als sehr liebenswert, wenn bei Online-Meetings mal ein Kindergesichtchen bei einer der Kolleginnen oder auch bei mir auftaucht und sich alle freuen. Und auch bei Meetings vor Ort haben wir ab und an Kinderbesuch, der für mein Empfinden ausschließlich positiv wahrgenommen wird.
Wo siehst du noch Barrieren für Frauen, die in der Wissenschaft arbeiten wollen? Und was läuft schon gut?
Ich habe vor kurzem in einer Erhebung des Statistischen Bundesamts gelesen, dass in den vergangenen 20 Jahren der Frauenanteil an Professuren in Deutschland von 14 auf 30 Prozent gestiegen ist. Das ist wirklich eine tolle Nachricht, jedoch kann man leider noch nicht wirklich von einer echten Gleichberechtigung in der Wissenschaft sprechen. Was hilft, sind natürlich Unterstützungsangebote, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf an Hochschulen strukturell verbessern. Ich glaube, dass vieles an der HSBI schon gut organisiert ist und Familien unterstützt werden. Unsere Hochschule ist auch als familiengerechte Hochschule zertifiziert worden. Es gibt mittlerweile viele Angebote wie Ferienbetreuung, Betriebs-Kita, Eltern-Kind-Räume etc. Was ich eher im Blick habe bei der Frage ist die Problematik der befristeten Verträge. Das ist wahrscheinlich eher eine politische Fragestellung. Aber befristete Verträge bringen aus meiner Sicht sehr viel Unsicherheit mit sich. Wenn man weiß, der Vertrag läuft aus, man hat Familie, die man versorgen muss und kann als Frau oder Mann nur in Teilzeit arbeiten, weil es die Betreuungssituation nicht anders möglich macht oder man eben auch genug Zeit für sein Kind haben möchte, dann ist es in der heutigen Zeit schwierig, eine Perspektive zu sehen.
Aktuell ist nur ein Drittel aller Professor:innen in Deutschland weiblich.
Im Bild zu sehen: Prof. Dr. Christiane Nitschke, Mentorin der InCamS@BI-Forschungsgruppe Wirtschaftsrecht.
Welche Rolle spielen Netzwerke, Vorbilder und Mentoring deiner Meinung nach für die Gleichstellung?
Ich denke, dass genau diese drei Aspekte ein wesentlicher Teil der gesellschaftlichen Weiterentwicklung sind. Durch solche Netzwerke und Vorbilder bin ich erst auf bestimmte Ungleichheiten aufmerksam geworden. Ich bin in den Strukturen groß geworden, die ich als normal empfunden habe. Ich würde sagen, dass ich schon früher Situationen hinterfragt habe, aber mir dann auch gedacht habe: Ist halt so. Durch Gespräche – oft mit jüngeren Kolleginnen – bin ich erst auf viele Ungleichheiten und auch Ungerechtigkeiten aufmerksam geworden. Und natürlich helfen diese Netzwerke dabei, sich nicht alleine zu fühlen und langfristig eine Veränderung herbeiführen zu können. Was wir aus meiner Sicht unbedingt brauchen, neben engagierten Frauen, die auf Missstände aufmerksam machen, sind Männer, die die Problematik wirklich verstehen und Veränderungen und ein Umdenken sehr konkret mit anstoßen wollen.
Was wünscht du dir für die Zukunft von Frauen an Hochschulen und in der Wissenschaft generell?
Was macht eigentlich InCamS@BI? Beim Tag der offenen Tür der HSBI war das Projekt mit einer Science Bench vertreten, auf der über die verschiedenen Themen und Akitvitäten des Projekt gespochen wurde.
Da ich mich persönlich in meiner Tätigkeit an der Hochschule recht gleichberechtigt fühle und weniger Einblicke in die konkrete Lage von Wissenschaftlerinnen habe, würde ich die Frage sehr gerne generell auf Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft ausweiten, denn da gibt es noch genug zu tun. Außerdem nehme ich an, dass Frauen, die in wissenschaftlichen Kontexten arbeiten, oft – nicht immer – aus privilegierten Verhältnissen kommen und wahrscheinlich nicht die gleichen Hürden zu überwinden haben, wie Frauen, die aus eher benachteiligten Lebenslagen stammen.
Für die Zukunft von Frauen in unserer Gesellschaft wünsche ich mir vor allem Selbstbestimmung, Sicherheit und echte Teilhabe – unabhängig von Herkunft, Bildung, Alter oder Lebensentwurf. Konkret heißt das für mich: Gleiche Rechte und gleiche Chancen, nicht nur gesetzlich, sondern auch real gelebt – beim Einkommen, in Führungspositionen, in Politik und im Alltag. Ein Leben ohne Gewalt und Diskriminierung, in dem Übergriffe ernst genommen, Betroffene geschützt und Täter konsequent zur Verantwortung gezogen werden. Faire Verteilung von Sorge- und Hausarbeit, damit Frauen nicht selbstverständlich die Hauptlast tragen und dadurch beruflich oder persönlich zurückstecken müssen. Anerkennung und Wertschätzung für unbezahlte, emotionale und soziale Arbeit, die unsere Gesellschaft zusammenhält. Mädchen sollen mit dem Gefühl aufwachsen, dass ihnen alle Wege offenstehen. Frauen sollen nicht dafür kämpfen müssen, ernst genommen, respektiert oder sicher zu sein, sondern es selbstverständlich sein.
Beatriz García hat an der Universität Bielefeld den Magister in Germanistik mit den Nebenfächern Spanisch und Pädagogik gemacht. Ein Studienjahr verbrachte sie in Spanien an der Universidad de Sevilla. Nach dem Studium startete sie ihre berufliche Laufbahn als Presse-Referentin bei Phoenix Contact, wo sie rund 15 Jahre tätig war. Um etwas Neues kennenzulernen, wechselte sie zum AWO Bezirksverband OWL, wo sie zuerst als Referentin im Freiwilligenmanagement und danach als Pressesprecherin arbeitete. Im Jahr 2023 kam sie als Transfermanagerin zur HSBI. Seit März 2024 ist sie Referentin des Creative Lab im Transferprojekt InCamS@BI. Beatriz García Schmidt hat einen siebenjährigen Sohn.