30.09.2026

MINT digital 2026: Digitale Prüfungen zwischen KI, Didaktik und Hochschulpraxis

Wie lassen sich digitale Prüfungen fachlich fundiert, technisch zuverlässig und fair gestalten? Diese Frage stand im Mittelpunkt des fünften Workshops der Tagungsreihe „MINT digital“, zu dem die Hochschule Bielefeld am 7. und 8. September 2026 Lehrende aus dem gesamten Bundesgebiet zusammenbrachte.

„Check ich nicht … das lass ich ChatGPT machen.“ Der provokante Titel eines Vortrags über Mathematiklehre mit generativer KI bringt eine Herausforderung auf den Punkt, mit der Lehrende inzwischen täglich umgehen: Studierende verfügen über leistungsfähige KI-Werkzeuge und Hochschulen müssen Lehre und Prüfungen entsprechend weiterentwickeln. Genau hier setzte „MINT digital 2026“ an. Unter dem Titel „Digitale Prüfungen, E-Assessment - Konzepte, Tools und Umsetzung“ diskutierten die Teilnehmer:innen aktuelle Methoden, Werkzeuge und Strategien für digitale Prüfungen und KI-gestütztes Lernen. Organisiert wurde die Tagung von Prof. Dr. Jörg Horst, Professor für Mathematik und technische Systeme, und Dipl.-Math. (FH) Tatiana Schenck, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der Hochschule Bielefeld.

Zwei Tage für die Weiterentwicklung digitaler Lehre

Die Tagungsreihe „MINT digital“ findet einmal jährlich an wechselnden Hochschulen im Bundesgebiet statt. Ihren Anfang nahm sie 2022 an der Hochschule Merseburg unter dem Titel „Digitale Lehre im Rahmen der Grundlagenausbildung in MINT-Fächern an Hochschulen“. Seit 2025 trägt die Reihe den kürzeren Namen „MINT digital“. Zum Auftakt in Bielefeld begrüßten Prof. Dr. Ulrich Schäfermeier, Vizepräsident für Studium und Lehre der Hochschule Bielefeld sowie Gastgeber Prof. Dr. Jörg Horst die rund 50 Teilnehmer:innen. Prof. Horst machte dabei deutlich, dass die Digitalisierung nicht nur technische Lösungen, sondern vor allem Austausch und gemeinsame Entwicklung braucht: „Digitale Prüfungen und KI verändern das Lernen radikal. Um diese Systeme stabil, fair und didaktisch klug aufzubauen, müssen wir als Lehrende analog zusammenrücken und den Austausch suchen.“

Generative KI verändert bisherige Lehr- und Lernformen

Schon im ersten Vortrag konnten die Zuhörer:innen interaktive Aufgaben ausprobieren. Prof. Dr. Guido Pinkernell von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg beleuchtete, wie der digitale Wandel das Prüfen und Bewerten verändert. Im Mittelpunkt standen dynamische Aufgaben, die sich flexibel anpassen lassen und damit neue Möglichkeiten für das Lernen eröffnen. Prof. Pinkernell beschrieb die Software als ein Labor, in dem mathematische Sachverhalte erfahrbar werden.

Ein besonderer Mehrwert solcher interaktiven Aufgaben liegt im Feedback: Es muss nicht bei einer einfachen Richtig-Falsch-Rückmeldung bleiben. Wird eine Aufgabe falsch beantwortet, kann die Software die Lernenden dazu auffordern, den mathematischen Zusammenhang selbst interaktiv zu erkunden. Das eigenhändige Verschieben des Graphen zeigt anschaulich, wie sich die Funktion verändert. So wird aus der digitalen Aufgabe ein Lernraum, in dem Fehler zum Ausgangspunkt für weiteres Erfahren und Verstehen werden.

Zwischen Lernabsicht und tatsächlicher Nutzung

Vier Personen stehen bei der Veranstaltung zusammen und führen ein Gespräch.
Im Austausch über digitales Prüfen: Ludwig Gierstl und Dr. Cornelius Weiß von der Hochschule München im Gespräch mit Prof. Jörg Horst und Tatiana Schenck von der HSBI.

Prof. Dr. Reinhold Hübl und Marc Peterfi (M.Sc.) von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mannheim stellten ihre Erfahrungen mit Flipped Classroom und E-Assessment in Mathematikvorlesungen vor. Ihr zentraler Ansatz war, Übungsaufgaben nicht nur zu Hause bearbeiten zu lassen, sondern direkt in die Vorlesung zu integrieren. Digitale, randomisierte Aufgaben und individuelles Feedback sollen die Studierenden zum eigenständigen Üben und Problemlösen motivieren. Nach Angaben der Referenten seien die Rückmeldungen der Studierenden überwiegend positiv gewesen. Einige Studierende hätten berichtet, sie ließen sich beim Lernen zu Hause Inhalte von ChatGPT erklären.

Die tatsächlichen Nutzungsdaten ergaben jedoch ein anderes Bild. Die Zugriffsdaten auf die Lehrvideos zeigten, dass die Angebote deutlich weniger genutzt wurden, als die Rückmeldungen der Studierenden vermuten ließen. Auch die Prüfungsergebnisse verbesserten sich nicht. In der Diskussion berichteten weitere Teilnehmende von ähnlichen Erfahrungen. Die Referenten stellten deshalb die These zur Diskussion, dass beim Lernen mit KI eine wichtige Erfahrung verloren gehen könnte: das Scheitern. Wer sich an einer schwierigen Aufgabe festbeißt, Fehler macht und neue Lösungswege ausprobiert, entwickelt ein tieferes Verständnis. KI kann dagegen dazu verleiten, sich zu schnell eine Lösung geben zu lassen. Studierende könnten dann bei anspruchsvollen Prüfungsaufgaben schneller aufgeben, weil ihnen die Erfahrung fehlt, sich selbst durch schwierige Lösungsprozesse zu arbeiten.

Prof. Dr. Katharina Best von der Hochschule Hamm-Lippstadt stellte mit den „Schreibimpulsen in der Lehre in Zeiten von KI“ einen weiteren Ansatz zur Förderung der Eigenaktivität vor. Kurze Schreibaufträge in Präsenz können Studierenden helfen, Wissen zu ordnen und den eigenen Lernprozess zu reflektieren. Im Mittelpunkt steht nicht die Produktion eines bewerteten Textes, sondern die konzentrierte Auseinandersetzung mit einer konkreten Frage.

Austausch und KI-Kompetenz als Hochschulaufgabe

Der Wert einer Tagung wie „MINT digital“ liegt nicht allein in den vorgestellten Konzepten. Entscheidend ist, was Lehrende anschließend für die Praxis mitnehmen. Für Prof. Dr. Andreas Zeiser von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin ist „MINT digital“ weniger eine klassische wissenschaftliche Tagung als ein praxisorientiertes Arbeitstreffen. „Ich hatte zum Beispiel die Frage im Kopf, wie schwierig es eigentlich ist, grafische Interaktionen zu implementieren“, so Zeiser. Auf der Tagung konnte er diese Frage im direkten Austausch klären. Darin liegt für ihn ein konkreter Mehrwert für die eigene Lehre.

Zugleich stehen Hochschulen vor der Aufgabe, Studierende auf einen Arbeitsmarkt vorzubereiten, in dem der kompetente Umgang mit KI an Bedeutung gewinnt. Wenn KI-Kompetenzen Teil der Ausbildung sind, müssen sie sich auch angemessen in Lernzielen und Prüfungsformaten widerspiegeln. Damit stellt sich die praktische Frage: Wie lässt sich KI didaktisch sinnvoll und rechtssicher in Prüfungen integrieren?

Digitale Prüfungen und gemeinsame Aufgabeninfrastrukturen

Wie ein solcher Weg aussehen kann, erläuterten Ludwig Gierstl (M.A.) und Dr. Cornelius Weiß vom Kompetenzzentrum Digitales Prüfen der Hochschule München in ihrer Keynote. Anhand eines Praxisbeispiels zeigten sie, wie sich generative KI in eine abgesicherte digitale Prüfungsumgebung integrieren lässt. Ihre zentrale Botschaft lautete, nicht auf eine vermeintlich perfekte Lösung zu warten, sondern mit den vorhandenen Mitteln anzufangen, Erfahrungen zu sammeln und die Prüfungsformate schrittweise weiterzuentwickeln. Nach Einschätzung der Referenten ist vieles bereits geregelt, auch wenn Prüfungsordnungen den Einsatz von KI nicht in jedem Detail erfassen. Wo konkrete Regelungen fehlen, bestehen Gestaltungsspielräume. Diese sollten Hochschulen verantwortungsvoll nutzen, um begrenzte Pilotprojekte zu erproben und daraus tragfähige Rahmenbedingungen zu entwickeln.

Dr. Michael Kallweit und Dr. Benjamin Schulz-Rosenberger von der Ruhr-Universität Bochum stellte mit ATLAS (Assignment and Task Library for All Subjects) eine neue Datenbank für digitale Aufgaben vor. Die Entwicklung hochwertiger digitaler Mathematikaufgaben ist zeitaufwendig und erfordert fachliches und technisches Know-how, das im Lehralltag nicht immer verfügbar ist. Genau hier setzt ATLAS an: Die offene, Git-basierte Plattform soll das Finden, Austauschen und Weiterentwickeln digitaler Aufgaben erleichtern und als zentrale Infrastruktur für STACK-Aufgaben aus verschiedenen Fachgebieten dienen.

ATLAS entsteht im Verbundprojekt STACK.nrw, an dem drei Hochschulen beteiligt sind. Zum Projektteam gehören an der HSBI Prof. Dr. Jörg Horst und Tatiana Schenck. An der Ruhr-Universität Bochum arbeiten Dr. Michael Kallweit, Dr. Benjamin Schulz-Rosenberger und Andreas Schwenk an der Plattform. Seitens der TH Köln arbeiten Prof. Dr. Angela Schmitz, Dr. Martina Echtenbruck, Patricia Graf Lange und Salim Mistrieh an dem digitalen Aufgabenpool. Gemeinsam entwickeln die Projektpartner ATLAS weiter und schaffen eine offene, qualitätsgesicherte Infrastruktur für digitale Aufgaben.

Prof. Dr. Reik Donner von der Hochschule Magdeburg-Stendal zeigte, wie semesterbegleitende E-Assessments in ingenieurmathematischen Grundlagenveranstaltungen umgesetzt werden können. Er stellte verschiedene Umsetzungsszenarien vor und berichtete von seinen Erfahrungen mit dem mehrjährigen Einsatz digitaler Aufgaben in Lehrveranstaltungen und Tests. Aus diesen Erkenntnissen leitete er Empfehlungen ab, die auch für andere Hochschulen relevant sein können.

Darüber hinaus umfasste das Programm weitere Beiträge zur Gestaltung und technischen Umsetzung digitaler Aufgaben. Prof. Dr. Barbara Wieczorek (Ernst-Abbe-Hochschule Jena) behandelte formative Moodle-Tests im Constructive Alignment. Malte Gaelings (Westfälische Hochschule) befasste sich mit der Feedbackqualität in Potential Response Trees. Prof. Dr. Klaus Giebermann (Hochschule Ruhr-West) gab Einblick in die Analyse von Termumformungsfehlern. Prof. Dr.-Ing. Karin Landenfeld (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) berichtete über digitale Mathematikprüfungen und Prof. Dr. Patrik Stilgenbauer (Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt) stellte die Klausurautomatisierung mit STACK und Quarto vor. Computergestützte Praktika mit R-Tools und R-Shiny sowie hochschulübergreifende Aufgabenangebote wurden von Prof. Dr. Eckhard Liebscher (Hochschule Merseburg) vorgestellt. Prof. Dr. Danny Kowerko (Technische Universität Chemnitz) und Prof. Dr. habil. Jochen Merker (Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig) berichteten über den sächsischen MINT-Aufgabenpool. Dr. Tobias Waedt und Kerstin Dammes (M.A.) (Hochschule Bochum) stellten erste Erfahrungen mit der digitalen On-Demand-Aufgabenentwicklung für Lehrende vor.

Analog zusammenkommen und über Digitales diskutieren

Wie wichtig der persönliche Austausch für die digitale Lehre ist, zeigte sich auch abseits der Vorträge. In den Pausen wurden Erfahrungen geteilt, Aufgaben ausgetauscht und Materialien diskutiert. Bei aller Digitalisierung gehört zu „MINT digital“ deshalb bewusst auch das analoge Zusammenkommen. „Die Tagung war ein voller Erfolg, denn sie hat zwei zentrale Aspekte zusammengeführt: den Einsatz digitaler Werkzeuge und den ebenso wichtigen persönlichen Austausch“, freut sich Prof. Jörg Horst.

KI kann neue Möglichkeiten für Lehre und Prüfungen eröffnen. Ob diese Möglichkeiten didaktisch sinnvoll, technisch verlässlich und rechtlich tragfähig genutzt werden, hängt weiterhin von den Menschen ab, die Lehre gestalten: von Lehrenden, Studierenden und Hochschulen. (fbk/jh)